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Im persönlichen Gespräch mit Oswald Henke, Goethes Erben

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Für seine intensiven Bühnenauftritte ist Oswald Henke von Goethes Erben bekannt. Er stopft sich dafür auf der Bühne auch mal Papierschnipsel in seinen Mund, kniet vor allgegenwärtigen Kameras und zeigt die unschöne Seite der omnipotenten Medien visuell blaugrau verschwommen. Dabei widmen diese der Kunst der Goth-Szene immer weniger Raum, stellt er im Interview fest.

Gela Aerzen: Danke für deine spontane Zusage für dieses Interview. Gibt es etwas, das dir aktuell auf der Seele brennt?
Oswald: Die Diskussion darum entstand daraus, dass sich allgemein die Medien inzwischen nicht mehr sonderlich darum kümmern, Berichte zu bringen, die Inhalt haben. Gerade in den Printmedien habe ich manchmal das Gefühl, da werden nur noch Artikel gegen Anzeigen geschaltet oder umgekehrt.

Gela Aerzen: Was ihr an Musik und Kunst macht, ist speziell, und wird vielleicht nicht überall verstanden oder gemocht?
Oswald: Gerade was Kunst, den Kunstbegriff angeht, ist das kein Grund, Dinge totzuschweigen. Wir bekommen ja nicht mal schlechte Berichte.

Gela Aerzen: Ok, wie kommen wir als Presse nun mit dir zusammen? Also telefonisch, wie gerade jetzt?
Oswald: Ich wünsche mir Interaktion. Was ich nicht mehr mache, sind vorgefertigten Fragenkataloge, die an jede Band fast identisch geschickt werden, mit ausgetauschten Namen. Dazu ist mir meine Zeit zu kostbar, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste.

Gela Aerzen: Todeskunst ist sehr düster, dramatisch, intensiv. Wie kamst du darauf, etwas in dieser Richtung machen zu wollen?
Oswald: Ein Ansporn, das zu machen, war damals mit Sicherheit meine Ausbildung zum Krankenpfleger. Ich war 17, und hatte ein behütetes Elternhaus. Bei meinem Praktikum im Krankenhaus bin ich sehr früh über „eine Leiche“ gestolpert und habe erkannt, dass die Welt deutlich anders daherkommt, als man es sich als junger Mensch, der noch nicht viel vom Leben mitbekommen hat, vorstellt. Das war eine Situation, auf die ich nicht vorbereitet war. Und die hat sich nachhaltig in mir eingegraben und mein Interesse für jegliche Grenzbereiche des Lebens geweckt.
Alter, Krankheit, Selbstmord – Es gibt ja die unterschiedlichsten Formen, warum Menschen aus dem Leben gerissen werden. Man darf nicht unterschätzen: Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er Verwandte, Freunde, Eltern, Kinder. Dann wird aus einem Leid ein multiples Leiden für viele andere Menschen.
Tod, Krankheit, Sterben, eine aus den Fugen geratene Psyche – alles, was Tabuthemen in der Gesellschaft sind, habe ich mit großem Interesse recherchiert, analysiert und für mich selbst interpretiert. Für mich war es logisch, dass ich das kreativ, aber nicht massenkompatibel oder beliebig aufarbeite.
Es war immer mein Anliegen diese Themen so darzureichen, damit sich Leute abstrakt im Vorfeld mit Dingen auseinanderzusetzen, ohne davon akut selbst betroffen zu sein.

Gela Aerzen: Hast du dir Musik und Schauspielerei selbst beigebracht?
Oswald: Ja. Ich habe nie Schauspielunterricht genommen und bis heute keine große Ahnung von Harmonielehre. Im Endeffekt geht es für mich um Gefühle, und die kann ich sowohl in Worten als auch in Melodien ausdrücken. Ob das musikalische Hochkultur ist, ist mir relativ egal. Ich habe zum Glück Leute, die mit mir gerne zusammenarbeiten, die wesentlich bessere Musiker sind als ich. Dadurch ergänzt man sich zu einem Großen und Ganzen.
Gerade bei Goethes Erben ist ein ganzes Team am Werk und auf der Bühne ist eine Tänzerin dabei, diverse Musiker, Projektionen, Licht. Das ist alles wichtig, um das zu transportieren, was ich mir ausgedacht habe, aber die ganzen Details erarbeitet man im Team.
Bei „X“ waren das Tobias Schäfer und ich, wir haben das Album geschrieben. Der Tobi ist nach der Präsentation an Ostern aus privaten Gründen ausgestiegen, weil ein Privatleben mit Goethes Erben sehr schwierig zu koordinieren ist, da sehr viel Freizeit draufgeht. Vor allem, wenn man einen 9-5-Job hat.

Goethes Erben 2023

Gela Aerzen: Welcher Song musste unbedingt auf euer neues Album „X“?
Oswald: (lacht ins Telefon) Alle. Alle, die drauf sind, mussten drauf. Wir hatten über 30 Lieder geschrieben und wir haben diese zehn ausgewählt, die am besten funktioniert haben, um das Thema darzustellen. Im Endeffekt ist es eine Dystopie. Es ist ein teilweise introvertiertes, teilweise sehr aggressiv-extrovertiertes Album. Zum Beispiel „Bluten“ oder „Schmerz“ gehen nach außen, während „Zeitwert“ oder „Vorbei Vorbei“ sehr nachdenkliche Stücke sind.
In „Bin ich blind“ geht es um die fehlende Wahrnehmungsbereitschaft von Dingen. Sehen ist ja nur ein Sinn. Blind kann man ja für andere Dinge sein, für Ungerechtigkeiten zum Beispiel.
Man sollte die Lieder von Goethes Erben nicht eins zu eins interpretieren, die leben von Metaphern und die lassen sich nicht eins zu eins interpretieren. Nur wenn die eigenen Gedanken reinspielen, ist es Kunst.

Gela Aerzen: Eure Songs sind wie Geschichten, die immer wieder neu erfahrbar sind.
Oswald: Das ist unser Alleinstellungsmerkmal, deshalb gibt es uns noch. Andere Bands gibt es nicht mehr, mit denen wir damals angefangen haben.

Gela Aerzen: In „Darwins Jünger“ sprichst du davon, dass die „Menschheit degeneriert und nicht wert ist, weiter zu existieren.
Oswald: Genau. Das ist auch mein fester Standpunkt. Ich lese so gut wie gar nicht, bin aber ein großer Film-Fan, beobachte und analysiere gerne Dinge. Dann schenke ich meinen Beobachtungen eben meine Worte.
Als großer Fan der Star Trek-Serie, beeindruckt es mich, dass alle Menschen gemeinsam daran arbeiten, dass die Menschheit vorankommt. Und nicht nur eine Minderheit, die bereits reich und mächtig ist, und noch mehr Reichtum und Macht zusammenklaubt, auf Kosten der restlichen Bevölkerung. Ich finde, die Menschheit hat es in Tausenden von Jahren einfach verbockt, eine solche Utopie zu realisieren.

Gela Aerzen: Wie häufig sind Goethes Erben schon gestorben? 2012 wurde ja schon einmal das Ende verkündet.
Oswald: Wir haben eine sehr lange Pause eingelegt und dann ist Mindy ausgestiegen. Dann hat es eine Zeit gedauert, bis es Goethes Erben wieder als aktiver Posten gab. Ich hab zwischendurch mit „fetisch:MENSCH“ und mit „Henke“ kreativ zwei andere Projekte betreut. Aber mein Hauptaugenmerk gehört Goethes Erben und das ist mit der Rückkehr in Niemandsland, mit den zwei Konzerten zum 25jährigen Jubiläum, zurückkehrt. Goethes Erben gibt es mittlerweile 33 Jahre.

Gela Aerzen: Was interessiert dich musikalisch außerhalb von deiner Musik?
Oswald: Unterschiedlich. Ich bin ein Legendary Pink Dots-Fan. Mag aber auch die Pink Turns Blue und Muse, Radiohead, Björk, Nick Cave, Sisters of MercyEinstürzende Neubauten, ich habe einen sehr breit gefächerten Musikgeschmack. Was ich nicht mag, ist kurzlebige Popmusik, die nur zur Unterhaltung da ist.

Gela Aerzen: Wie beobachtest du aktuell die Goth-Szene? Ihr habt Pfingsten in Leipzig beim Wave-Gotik-Treffen performt, kommt da Nachwuchs nach?
Oswald: Ich hatte dieses Jahr das Gefühl, das auch jüngere Leute anwesend waren. Nicht unbedingt zu unseren Konzerten. Das aktuelle Album spricht jungen Menschen nicht direkt an, weil es sich sehr auf Dinge konzentriert, mit denen man sich im letzten Drittel des Lebens auseinandersetzt. Aber es gibt eine Tendenz, vor allem, was dieses Revival der 80er Jahre angeht. Goth-Punk, Gothic Pogo, Coldwave werden in der Altersgruppe jetzt wieder wahrgenommen.
Wenn nicht jetzt, welche Zeit wäre prädestiniert für eine neue Generation von Gothics? Wir hatten drei Jahre Pandemie, haben einen Krieg, der uns zwar nicht direkt betrifft, der uns alle aber nachhaltig im Leben beeinflusst – und die Medien kommen aktuell mit dem Dammbruch direkt in unsere Wohnzimmer.

Gela Aerzen: Gesellschaftspolitik steht schon seit langem auf der Setlist von Goethes Erben-Konzerten. In „Kopfstimme“ vom Album „Dazwischen“ 2005, geht es bereits um die Wirkung der Medien.
Oswald: Darin geht es um diese sezierende Berichterstattung der Medien. Ich erlaube grundsätzlich keine TV-Aufnahmen von Goethes Erben Konzerten, weil ich keine Lust habe, dass ein Satz, ein Fragment aus dem Zusammenhang gerissen wird, und darauf eine Berichterstattung erfolgt, die nichts mit dem zu tun hat, was wir eigentlich tun.

Gela Aerzen: Kommen wir zu zukünftigen Projekten.
Oswald: Wir haben gerade das letzte Studio-Album von Goethes Erben veröffentlicht. Das Prinzip eines Albums hat sich –zumindest in der jetzigen Zeit- überlebt. Das heißt nicht, dass wir gar nichts mehr machen, aber wir gehen jetzt andere Wege. Wir werden weiter Konzerte geben. Ich möchte in den nächsten zwei/drei Jahren ein neues Musiktheaterstück auf die Bühne bringen.

Gela Aerzen: Du setzt also vermehrt auf Live-Präsenz?
Oswald: Genau. Auf Konzerte und auf Musiktheaterstücke wie damals „Schattendenken“ oder „Kondition Macht“ oder „Menschenstille“. In diese Richtung möchte ich gerne wieder agieren. Wobei Musiktheaterstücke im Prinzip nur an einem Ort funktionieren und der ist zu wählen.
Wir haben „Menschenstille“ und die Zweitauflage davon- „Kondition Macht“- damals hier in Bayreuth gemacht. Das ist nicht optimal, weil die Bühne sehr eingeschränkt verfügbar ist. Man muss auch schauen, wie groß das Publikumsinteresse zu dem Zeitpunkt sein wird, und darauf, was im finanziellen Rahmen liegt. Wir werden ja nicht von irgendwelchen Kulturförderungen unterstützt, sondern müssen alles selbst finanzieren.

Gela Aerzen: Lebst du mittlerweile von deiner Kunst?
Oswald: Es gelingt mir, damit zu überleben in irgendeiner Form. Aber nicht allein von der Musik, ich schreibe ja Bücher, ich mache Lese-Performances und einer der zentralen Spitzpfeiler ist das Merchendise-Geschäft, das Goethes Erben am Leben erhält. Wir haben das Glück einer zwar nicht riesigen, aber treuen Fangemeinde, die uns unterstützt bei der Umsetzung neuer Ideen.

Gela Aerzen: Wie geht es nun für die Schwarze Szene weiter?
Oswald: Die Schwarze Szene ist ein Sammelbecken von Individualisten. Sie kann nur existieren, wenn sie sich neu belebt. Und es tut ihr gut, dass sie jetzt kleiner wird und nicht mehr auf zu große Veranstaltungen/Festivals schielt, wo ein Teil der Bands überhaupt nichts mehr mit dieser Szene zu tun haben. Geht lieber auf die Clubkonzerte von Bands und schaut euch an, was dort gerade an neuen Dingen entsteht.

Gela Aerzen: Viele sagen, sie wissen nicht, was in ihrem Umfeld abgeht, weil es nicht angekündigt wird.
Oswald: Für die unbekannten Bands ist das ganz schwer. Die großen Bands funktionieren. Zu Depeche Mode und Rammstein laufen alle hin, da zahlen sie horrende Preise für die Tickets. Bei der aktuellen Wirtschaftslage fehlt dann das Geld, um sich die Clubkonzerte anzuschauen. Ich bin kein Fan von Konzerten, wo man die Figürchen der Musiker in Ameisengröße weit entfernt sieht. Da kommt für mich keine Stimmung auf.
Wenn ich mich für etwas interessiere, dann schaue ich von mir aus, spielt meine favorisierte Band überhaupt oder irgendwo live. Das Internet gibt da sehr schnell Auskunft. Es ist leider ein Unding der Jetztzeit, dass jeder anscheinend persönlich eingeladen möchte zu irgendwelchen Events. Das funktioniert nicht.
Wir haben keine wirkliche Medienlandschaft mehr. Diese ganzen Magazine wie Orkus und Sonic Seducer werden m.M.n. nicht mehr gelesen. Was im Endeffekt daran liegt, dass kaum noch Inhalt vorhanden ist, oder der journalistische Wert dieser Zeitungen leider in den letzten Jahren sehr abgenommen hat. Und die Leute irgendwann zu bequem wurden, sich selbst zu informieren?
Ich weiß es nicht. Als ich jung war, haben wir überall recherchiert, wo findet was statt. Es liegt an einem selber, ob man sich informiert oder nicht. Man kann ja den Leuten nicht immer alles vorkauen. Man kann es anbieten als Künstler. Man hat eine Homepage, man hat natürlich die Sozialen Medien. Da ist was präsent, aber gerade die Sozialen Medien schränken inzwischen die Reichweite dermaßen ein, dass man nur als proaktiver Fan fündig wird. Ansonsten übersieht man vieles.
Früher gab es diese Clubs, wo man immer hingegangen ist und Konzerte mitgenommen hat, auch wenn man nicht wusste, was da spielt. Das ist inzwischen sehr schwierig geworden, weil sich viele Veranstalter sagen, diese Band ist unbekannt, da kommt keiner, und dann werden Konzerte gar nicht mehr angesetzt. Wir haben dieses Jahr vier Konzerte gegeben und eines wird noch im Herbst stattfinden.

Gela Aerzen: Ihr seid beim Autumn Moon Tribute am 28. Oktober 2023 in Asendorf dabei.
Oswald: Genau. Schade, dass es nur noch als Tribute stattfindet, aber ich kann es auch verstehen. Der Veranstalter möchte eben seine wirtschaftliche Existenz nicht aufs Spiel setzen. Das würde er tun, wenn er das große Autumn Moon noch einmal ansetzt. In diesen Zeiten ist das für mittelgroße Festivals ein Roulettespiel.

Gela Aerzen: Wird es dann auch wieder diese drastische Show mit Blut und Plastik geben?
Oswald: Ich sage immer, lasst euch überraschen.

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