Start Allgemein Epica – Omega Alive – Review

Epica – Omega Alive – Review

337
0

Epica(l) von Alpha bis Omega

Was für ein bombastisches Zirkeltraining! Schon beim ersten Hören der neuesten Epica-Veröffentlichung zeigt der Daumen steil aufwärts, und das, obwohl sich kaum frische Songs auf den Scheiben befinden. Dafür wartet die Zusammenstellung mit Aktion, Dramatik, dressiertem Metal versus klassischen Flügeln und dominanten Voices auf. Bis auf die Lyrics überzeugt die epische Scheibenwelt.

17 Monate ohne Auftritte. 17 Monate ohne das, was wir am meisten lieben…”

Seit 2002 segeln Epica in gefällig symphonischen Gefilden, sie sind zu Gast beim Wacken Open Air und sie lassen populäre Mitstreiter wie Within Temptation musikalisch meterweit hinter sich. Im zweiten Corona-Jahr sehen sich Künstler wie Epica, dazu gezwungen, ihre Bühnenauftritte als Online-Stream ins Internet zu verlegen. Doch anders als andere investiert das niederländische Sextett viel Geld in ein kineastisches Spektakel mit fünf Akten und einem Pseudo Live-Charakter. Sie erklären dazu in ihrer Ankündigung: „Wir haben hinter unsere Bühne einfach eine weitere Bühne gebaut, auf der die ganze Zeit über etwas los ist… Jeder Song bekommt dadurch etwas Einzigartiges, einen besonderen Auftritt oder Effekt, der maßgeschneidert zu seinem Inhalt passt.“

Headbanging till the End

Als letzter Buchstabe des griechischen Alphabets wird das Omega häufig als Synonym für das Ende schlechthin verwendet. Nach 20 Bandjahren reflektieren Epica die vergangene Zeit. Ein kleiner Tipp vorweg für alle, die unter dem Weihnachtsbaum mit einer Geschenkidee glänzen möchten: „Omega Alive“ inklusive exklusivem Filmmaterial von Epica vermag mit Fan-Lieblingen und ausgewählten Klassikern sowohl Hörer des Symphonic Metal als auch Liebhaber pompöser Blockbuster-Musiken zu erfreuen. Die Kompilation mit 15 Songs ist als LP-/DVD-/Blue Ray- und CD-Set in kineastischer Länge von fast 99 Minuten seit 3. Dezember auf allen gängigen Plattformen erhältlich. Über die Texte dagegen darf gerne das Haupthaar geschüttelt oder diskutiert werden.

Omega Alive“ detailliert gehört

  • Ganz nach Art großer Filmmusiken von zart bis furios, startet das orchestrale „Alpha – Anteludium“. Einem roten Faden gleich ziehen Flügel, Flöten, Fiedeln und Chor den Hörer harmonisch orchestral in das Album „Omega Alive“ hinein.
  • Allgemein bezeichnet Singularität einen Zusammenhang, in dem eine kleine Ursache eine große Wirkung hervorbringt, ein Beispiel ist der Urknall. Ein weiteres das eingängige „Abyss of Time“ (Countdown To Singularity, Omega 2021), welches textlich gesehen, sich in eine spirituelle Welt verirrt, in der man sich gerne pathetisch ausdrückt: „You and I connected with pure divinity“. Nun ja. Der Weg zur göttlich-klassische Symphonie ist Lichtjahre entfernt, doch zwischen Gitarrenbrettern und Geigenjubeln wechselvoll arrangiert, getragen vom Mix aus Jansens harschen Kehllauten und Simons Engelsstimme, beackern die Niederländer erfolgreich die gleiche Erde wie Nightwish. Nur abgehobener.
  • Im offiziellen Video zum neuen Song „The Skeleton Key“ vom 7. Oktober 2021, auch Teil der DVD, verharren die Musiker auf einer 2-Meter-Abstand-Position. Tastenkünstler Coen Janssen klimpert den Auftakt, im Hintergrund rotiert eine Rhönradartistin, Mastermind Jansen growlt „We are the Night, we haunt your mind“, Gitarren-Haare fliegen, ein Kinderchor singt und Simons im schwarzen Minidress dirigiert stimmlich süß das Geschehen auf der neu designten Tour-Stage. Live-Erlebnisse, schwer vermisst in Corona-Zeiten. Für den Track selbst gilt ein sowohl hören – als auch sehen.
  • Unchain Utopia“ – vom Album „The Quantum Enigma“ (2014). Augen zu und das Arena-Kopfkino á la Epica brettert bei dem live eingespielten Klassiker in Richtung „Conquest of Paradise“. Die atemraubende Rock-Symphonie der Stimmen trifft auf das dominante Schlagwerk von Ariën Van Weesenbee und lässt alles andere zu Beiwerk verblassen. Für Chorgesang, Sopran-Special und Hintergrundstimmen vergibt die Redaktion Extrapoints. Vangelis lässt grüßen.
  • The Obsessive Devotion“ von 2007 zählt zu den Tracks, welche Epica auf Tour stetig begleiten. Der beziehungsdramatische Song fügt sich perfekt in die Zusammenstellung 2021 ein. Die hingebungsvollen Lyrics stammen aus der Feder des Gespanns Jansen/Ad Sluijter.
  • Für das frisch erschiene „In all Consience“ gilt das übliche Hassen oder Lieben neuer Songs. Das schwarzbunte Werk erinnert marginal an das Musical Chess. Wer Theatralik mag, fühlt sich hier in die Arme genommen. Die Hardrock-Ballade trifft auf geballte Feenkräfte. The Voice Simons mutiert von zart bis zum High End-Level in jeder Nuance zum glockenhellen Zombie. Für die metallische Begleitgruppe aus Gitarre, Bass und Schlagzeug gilt, Epica liefern ab, was sie am besten können: Drama für die Seele, Gefühle für den Körper und eine Frontfrau, die als Elisabeth Swann den Horizont bestimmt. „I’ll see you somewhere again, away from all the insanity, We can’t beat injustice now and for all“, lauten die letzten Worte eines Sterbenden im Chorus des Sextetts. Den Plot rund um die Story mit den Gewissensentscheidungen hat Mastermind Jansen geschrieben. Heureka.
  • Beim taffen „Victims of Contingency“ (2014) schreiten Epica zurück zu ihren „Goth-Metal-Roots“. Freunde härterer Gangarten fühlen sich hier an Paradise Lost erinnert.

Tons of Symphonie

  • Den Epen „Kingdom of Heaven, Pt. 1“ (2009, Design your Universe, ehemals Kingdom of Heaven, Pt. 5) und Pt. 3(2021) räumt die Band jeweils schlappe 13,5 Minuten Größenwahnsinn ein. Eine knappe halbe Stunde lullt das epochale Brett aus Alt-Bewährtem und Neu-Inszeniertem Fans und Skeptiker des Bombasts ein. Warum beide, erschließt sich dem Hörer nicht; außer, sie gehören, wie die fünf Buchstaben von Alpha und Omega, einfach in die 20 Jahre Epica-Rückschau.
  • Auf ein einladend-smoothes Intro folgen Blutdruck treibende Trommeln, die bekannten Gesangsparts und ein fünfteiliges Gedankenspiel rund um ein neues Zeitalter mit Wissenschaft, Spiritualität und Chakras. Ein kurzer Teil von „Kingdom of Heaven, Pt. 1“, Bardo Thödröl, beschäftigt sich, gemäß Wikipedia, mit einer Schrift, die esoterisch Tod und Widergeburt betrachtet. Simons singt dazu „Misled by science.“ Forschen wir weiter.
  • Musikalisch ähnlich arrangiert ist „Kingdom of Heaven Pt. 3 – The Antedeluvian Universe“. Textlich betrachtet, segelt das Lied unter Flügelläufen „straight“ Richtung Sonnenuntergang zur Umkehrung der Welt. Die besungene fünfte Dimension, die von Toth erschaffen wurde und das Wissen um alchemistische Smaragdtafeln, welches in den Hallen von Amenti verankert liegt, könnte den dazu passenden Blockbuster liefern. Wissenschaftler hören weg, denn in der Kunst liegt Freiheit. Den Ausschnitt der diesjährigen, fünfteiligen Epica-Show gibt es auf Youtube (https://www.youtube.com/watch?v=BdBCVMD8TiM). Visuell verzaubern sie ihr Publikum, wie der Online-Event im Juni beeindruckend dokumentiert. Die flammenden Feuerschalen vermitteln Wärme und den anmutigen Zirkus-Artistinnen beim Turnen am Leuchter zuzuschauen, lässt unter Christbaum Augen leuchten.
  • Das gerade zehn Monate alte „Rivers“ trällert Masterfee Simons mit beachtlich gesteigertem Stimmvolumen und Chorunterstützung a Cappella. Die Ballade über das Seelen vereinen, Ketten lösen und Gegen-den-Strom schwimmen empfiehlt sich für ruhige Momente mit Rührung.
  • Once Upon a Nightmare“, vom Masterpiece The Holographic Principle (2016), ist der Song, der noch nach fünf-plus-mehr-Hören packt. Er erinnert an die geflüsterten Geheimnisse von Omnias „Toys in the Attic“ und vereint den bildhaften Wahnsinn eines Tim Burton mit der musikalischen Genialität von Stromgitarren-Zombies.
  • Freedom“, untertitelt mit „The Wolves Within“ stammt vom Omega (2021) und zeigt, warum es sich für Symphonic Metal Bands nicht lohnt, mit den Wölfen zu heulen. Wenngleich der Chorus zum Mitsingen einlädt und das Lied radiotauglich aufpoppt, spätestens beim zweiten Hören stellen sich Ermüdungserscheinungen ob des wiederholt ausgereizten Musters ein.
  • Der Erstgeborene von Epica, ihr erster Song, das trommelnde Herzwerk ihres Erfolgs heißt „Cry For The Moon – The Embrace That Smothers Part IV“. Seit über 20 Jahren steht dieser Bandklassiker mit Bolero-Stomp zu Recht in der Frontposition ihrer Live-Auftritte. Die Alpha-Veröffentlichung, erschienen auf dem Album „The Phantom Agony“ (2003), ist –laut Ansage der Frontfrau auf der aktuellen CD – der Track, der sie um die ganze Welt getragen hat. Wurzeln, die gemeinhin gesprochen, beständig das Gerüst zu ihren Songs stellen.
  • Mit „Beyond The Matrix“ vom 2016er Album „The Holographic Principle“, zementieren Epica, wie sie ihre Konkurrenz um Längen abzuhängen vermögen.
  • Den Schlusspunkt setzt das rundgefeilte „Omega – Sovereign Of The Sun Spheres, Omega (2021)“, es stolpert über seine eigene Einfallslosigkeit. Nach 99 Minuten ist nicht zu erwarten, dass ein mittelmäßiger Song angesichts der bereits reingezogenen Highlights den Hörer vom Hocker reißt. Wem das Muster: Geknüpft in stählernem Kettenhemd-Strick, gepolstert mit Riff-Raff-Gitarren und getaktet auf geschlagenen Häuten, verfeinert mit symphonisch-klassischen Elementen nicht aussagekräftig genug ist: Bezogen auf den Teil „The Hounds of the Barrier“ ermüden zudem lyrisch-mysteriöse Aussagen wie „Defend by force (Alpha), Do not cross (Omega), (Spheres) Don’t defy me (Alpha), (Within spheres) Embrace your fears (Omega)“ die Ohren.

Eindeutig zwiespältig

In die Höhe ziehen, Lauter machen, und mit gestylten Videos weiterkommen ist nicht ausschließlich künstlerisches Gebrüll, sondern gefühlt aktuell geradezu ein Muss. „Hypa, Hypa“, kaum eine Band entzieht sich dieser Direktive. Epica bieten ihren Fans einen gemächlichen Flow an und stellen siebenmal Erinnerungsträchtiges in Reihe zu achtmal Neuerdachtem. 20 Jahre vergangen, die Lust auf kommende Events machen. Theatralisch, musikalisch, stimmlich, und live auf großer Bühne erlebt. Genre-Liebhaber müssen dafür nicht aus ihrem Symphonic-Metal-Convenience-Level heraus, sondern nur ein wenig an ihren Reglern spielen.

Wer das Streaming Event im Sommer miterlebt hat, bekommt mit „Omega Alive“ eine perfekt durchgeplante monumentale Show des niederländischen Sextetts zurück auf den Bildschirm. Das vorliegende Best-of-Visuals zeigt auf knappen 100 Minuten die Höhepunkte einer zirzensisch-orchestrierten Symphonie mit Musicalcharakter. Für jene, die es verpasst haben, erfüllt sich eventuell ein Weihnachtswunsch. Nun ja.

Mit Texten, die sich auf aktuelle politische, religiöse und soziale Themen beziehen, haben Epica überzeugt. Doch Esoterik, Transzendenz und uralten Weisheiten gehören eindeutig in das Reich der Fantasie, trotz geiler Lyrics. Wobei die Tatsache, dass die Zivilisation angesichts eines weltweiten Virus hyperventiliert, dieses Zitat für ihr Werk geradezu herausfordert: „Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Jesus Christus zur Apokalypse). Diskutiert das mal unter Tannen.

 

Punkte 8,5 von 10

Tracklist:
1. Alpha – Anteludium – Omega Alive 1:38
2. Abyss Of Time – Countdown To Singularity – Omega Alive 5:20
3. The Skeleton Key – Omega Alive 5:05
4. Unchain Utopia – Omega Alive 4:47
5. The Obsessive Devotion – Omega Alive 7:17
6. In All Conscience – Omega Alive 5:07
7. Victims Of Contingency – Omega Alive 3:32
8. Kingdom Of Heaven Pt 1 – A New Age Dawns Part V – Omega Alive 13:31
9. Kingdom Of Heaven Pt 3 – The Antediluvian Universe – Omega Alive 13:23
10. Rivers – A Capella – Omega Alive 4:32
11. Once Upon A Nightmare – Omega Alive 7:11
12. Freedom – The Wolves Within – Omega Alive 5:36
13. Cry For The Moon – The Embrace That Smothers Part IV – Omega Alive 8:31
14. Beyond The Matrix – Omega Alive 6:26
15. Omega – Sovereign Of The Sun Spheres – Omega Alive 7:00

Epica – Omega Alive
Label: Nuclear Blast Records
Erscheint in acht Sets, erhältlich in Vinyl, CD, Blue-Ray/DVD sowie Earbook
VÖ: 03.12.2021
Genre: Symphonic Metal

Album bestellen
Amazon

Line-Up:
Simone Simons| Gesang
Mark Jansen| Gitarren & Growls
Isaac Delahaye | Gitarren
Coen Janssen | Synth & Klavier
Ariën Van Weesenbeek | Schlagzeug
Rob Van Der Loo | Bass

Epica im Web
Homepage
Facebook

Gastredakteur – gela