Start Allgemein Das Autumn Moon Tribute (AMT) in Asendorf schreibt ein schwarzes Kapitel

Das Autumn Moon Tribute (AMT) in Asendorf schreibt ein schwarzes Kapitel

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Liebhaber des ausgesuchten Musikgeschmacks trauern um das Autumn Moon Festival in Hameln. Das Gothic-Highlight ist leider Vergangenheit, doch rund um den Blutmond im Herbst startet seit 2021 inmitten der Heide ein feiner Ersatz-Event, der mit 15 Bands drei Tage lang das Umland rockt. Indoor, statt Outdoor, mit Tausch- und Tagestickets pro Tag, mit Improvisation – für Insider ein Muss. Die Autorin ist für einen Tag dabei und – versinkt in Atmosphäre.

Live, Lost, Dark

Es ist die Nacht rund um Halloween, und das Geschehen von 2021 wiederholt sich. Ein wolkenloser Herbstmond im Wachstum erleuchtet die Heimfahrt via Bundesstraßen von der Heide zurück in mein Weserbergland: Fallendes Laub füllt die Straßen, am Wegesrand gruseln die hell erleuchteten Kessel einer DMT-Fabrik, die düsteren Schreie der überwinternden Kraniche schrillen über die verlassenen Wiesen. Kuschelige 17° täuschen darüber nicht darüber hinweg, dass der Winter naht. Hinter mir liegt ein goldener Oktobertag mit Gothic-Punk-Metal-Rock-Mucke im Kulturhaus B.O. in Asendorf. Dafür ist uns kein Weg zu weit, wir lieben Live. Auf gehts.

Simon von der Autumn-Moon-Crew erzählt, dass sie den Corona-Stillstand für Umbauarbeiten genutzt haben. Die düstere Decke im Saal ist geöffnet, Lichteffekte glänzen am Trägerwerk. Das wertet den Club-Raum optisch auf, macht die Location jedoch nicht größer als sie ist. 333 Besucher passen in den Raum hinein. Für diese gilt: Es gibt keinen trennenden Graben vor den Bands, keinen Sicherheitsdienst. Geil für Fans, die hautnah zu den Musikern stehen und nachvollziehbare Fotobeschränkungen für Berichterstatter. Keine Gnade bei Auftritten, die in blauem Licht verschwimmen, dafür muss die passende Software ackern.

Kaffee-Klatsch mit Rotzpunk

Auf der Durchreise von Rüsselsheim zurück Richtung Heimat stoppen #The Membranes für einen 45minütigen Gig im Asendorfer Indoor-Club. Seit 1977 existiert das zwischenzeitlich getrennte Quartett, als unbekannt-anerkannte Größe im Wave-Alternative-Versum. Mit High-Speed-Darkness startet der Nachmittag für die Punks unter den Gothics um 15.30 Uhr straight durch. Und Pustekuchen, die Gang aus Manchester krempelt den Club auf links, animiert zum Dance und lässt mit spartanischen Space-Melodien, unterkühltem Bass und abgrundtiefem „Yeah“ Joy Division im Schatten niederknien. Die verschleierte Dame an den Tasten bewegt sich dazu wie eine Sphinx. Läuft.

„Shine“ @TOAL

Würden VNV Nation, Eisfabrik und Me the Tiger sich in irgendeiner skandinavischen Wildnis getroffen haben, um ein neues Projekt aus den Angeln zu heben, es könnte TOAL heißen. Die Stimmbandentzündung der Sängerin ist auskuriert, die Band hat Bock auf Live-Musik und somit gelingt dem Quartett leicht, Menschen auf ihren elegischen Elektro-Dancefloor zu ziehen.

Laut ist erst, wenn du das Fiepen nicht mehr hörst
Ab 18.30 Uhr treten This Can Hurt das Hardrock-Gaspedal bis zum Anschlag durch. Deren Sänger mischt sich ins Publikum und überträgt seinen Spaß auf die Fans. This Can Hurt puschen das High-Fever des Heavyrock, so dass zuhörende Ohren lautstark brennen. Das Publikum reitet konstant auf ihrer Welle.

Das Reich der eisgekühlten Schokolade

Iced Chocolate Empire, kurz ICE, sind eine ehrgeizige junge Band im Bremer Umfeld. Die fünf Jungs zwischen 18 und 22 Jahren heizen mit Modern Rock/Metal für Ost+Front ein. Zur -TV-mäßig gesprochen, besten Sendezeit, um 20 Uhr. Gelingt es ihnen, die AM-Fans zu überzeugen? Ihre Musik erinnert an Bring me the Horizon, die melodisch einen Spielmannsschwur beschwören. Die neudeutschharte Rasselbande rockt gekonnt in den Zwischenwelten diverser Schubläden. Ihr neuer Song „Crystallize“ erinnert melodisch an einen bekannten Mittelalter-Rocksong. Die Jungs bieten eine spannende Range, die sowohl harte Metalriffs, atmosphärische Synth-Klänge und ruhige Gitarren-Parts enthält. Sie zeigen Potenzial und bleiben sie standhaft, sollte ihnen der Erfolg gelingen.

Neu, deutsch, knüppelhart

Mit Ost+Front steigt die Messlatte Richtung Goth-Showtainment mit Tiefgrund. Ihr martialischer NDH-Showact in Masken feiert provokativ die Abwesenheit vom Mainstream. Sie geben sich zynisch, anstößig und ihr Maschinen-Rock zündet. Dabei endet der Auftritt des Sextetts -wie üblich- mit dem militär-populären Radetzky-Marsch vom Band. Keyboardkönigin Eva Edelweiß animiert zwischen den Songs mit Lauter-Schild und zum Spiel mit den schwarzen Luftballons.

Was die Besucherzahlen angeht, gefühlt quatschen wir mit vielen ein paar Worte: Mit dem Hünen Manfred aus Kassel, Glöckchen aus Asendorf, Jens, Alexandra, der Kreiszeitungs-Redakteurin, Silke und Fotograf Stephan, dem glücklich entspannten Quartett junger Menschen aus der Ukraine, dem inspirierenden Knopfkünstlern auf dem Mini-Markt.

Wir drücken John Kanaka die Flosse, erfreuen uns an seinem Trio mit The Jack Tars und bekannten Folksongs sowie Comedy like „Alle meine Entchen“. Wir essen, trotz vegetarischer Gerichte auf der Speisekarte, Thüringer Bratwurst mit hauseigener Curry-Sauce, und hören von Insidern, die wäre Pflaumenmus abgeschmeckt. Und wärmen uns an den entzündeten Feuerstelen.

Fazit

Für das kommende Jahr verzeichnet Dominik Wrhel als Verantwortlicher für das Autumn Moon Tribute bereits viele Bandanfragen. Wirtschaftlich gesehen, zeichnet sich erneut ein Minus ab, denn die Umtauschtickets der vergangenen Jahre wollen abgearbeitet werden.

333 Besucher hätten teilnehmen können. Etwa 100 Fans vergnügen sich seit Freitag täglich auf dem –wir verkürzen – AMT Indoor. Die Tagestickets für spontane Besucher kosteten zwischen 38 und 48 Euro, dafür rocken vier bis sechs Bands vom Newcomer bis zu gestandenen Institutionen wie In Mitra Medusa Inri, DAF, Ost+Front und die Krupps. Neue Fans in dieser Zeit generieren scheint schwierig, doch aufgeben kommt für einen Veranstalter wie diesen nicht in Frage. Im Gegenteil, er gibt dem Nachwuchs eine Chance, sich zu etablieren.

Das kulturelle Geschehen, seit 2020 politisch als „nicht Überlebenswichtig“ eingeordnet, kämpft sich durch den dritten Herbst seit Pandemiebeginn. Sinkende Gagen, erhöhte Transportkosten, fehlendes Personal, rückläufige Besucherzahlen, Ansteckungsängste, erfordern steigende Eintrittspreise. „Winter is coming“ – für die kulturelle Vielfalt wird dieser erneut hart.

Eine jetzt gecancelte Tour ist für eine Band nicht so einfach zu verschieben, und es trifft keine Unbekannten. So bedauern Eisbrecher letztens, eine Tour derzeit nicht ermöglichen zu können.
Wir wissen nicht, wohin uns das Cancelling von Konzerten führt, und wie es euch damit gerade geht. Wir lieben es, Konzerte live zu erLEBEN. Mit einem Bildschirm quatscht niemand.

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